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Baukultur erfrischt Tagungskultur

“Baukultur des Öffentlichen” lautete der Titel der zweitägigen Konferenz der Bundesstiftung Baukultur, zu welcher der Konvent der Stiftung am 16. April 2010 in Essen auf der Zeche Zollverein zusammen kam. Die drei Panels “Worauf baut die Bildung?”, “Wo findet Freiraum Stadt?” und “Wo verkehrt die Baukultur?” fanden parallel in drei verschiedenen Gebäuden der Zeche statt. Am folgenden “Tag der Öffentlichkeit” ging die Debatte dann auf Reise, versuchte mittels dreier öffentlicher Spaziergänge in die Befindlichkeiten vor Ort hineinzuhören. Jeweils gut informierte Prominente aus Politik, Medien und Kultur führten in Form eines Zwiegesprächs die Tagungsteilnehmer durch Alltagszonen: In Bochum wurde die Erich-Kästner-Schule besucht. In Gelsenkirchen stand der Freiraum im Statdzentrum auf dem Prüfstand und in Essen war der Hauptbahnhof der Gegenstand einer kritischen Betrachtung. Durch diese Begegnungen mit konkreten Orten und Atmosphären und durch die Kommentare von der Straße fand diese “Konferenz in Fortbewegung” zu sehr anschaulichen und unmittelbaren Eindrücken, die in den mehrfach eingeschobenen Diskussionsräumen unmittelbar reflektiert wurden.
Mit diesem Konvent probte die Bundesstiftung Baukultur eine Tagungskultur, die für Konferenzen zum Themenfeld Bauen und Stadtentwicklung eigentlich zu einem Standard werden könnte.
mehr Infos / Programm >>

Spaziergang mit der HafenCity Universität

Im Rahmen der Jahresausstellung der HafenCity Universität Hamburg leitete Bertram Weisshaar für den neu eingerichteten Studiengang »Kultur der Metropole« eine Exploration. Mit umherschweifender Aufmerksamkeit ging es zunächst über den Innenhof am Standort Averhoffstraße, was eine Erinnerung an das Buch “gehen in der wüste” von Otl Aicher weckte, insbesondere an dessen Schlusskapitel:
rückkehr zu den verben
schon die typografische auszeichnung der substantive zeigt, welchen stellenwert sie in unserem sprachsystem haben. sie werden groß geschrieben.
das war nicht immer so. die übung kam im absolutismus auf, als es darum ging, den könig, den fürsten, die institutionen des staates auszuzeichnen, indem man auch das wort gott mit großbuchstaben schrieb. damit bekamen objekte und einrichtungen, das statische in unserer welt, das seiende, ihre bevorzugung. das haus des fürsten sollte ja ewig währen, wie auch das land und der staat.
die verben verkümmerten. prozesse, verhaltensweisen, vorgänge, die dynamik der welt standen unter der beschwichtigung der sprachlichen vernachlässigung. zu lieben war nur ein vorfeld der ehe, sich freuen nur das flüchtige vorüber gegenüber dem glück, das der staat seinen untertanen versprach. und in rom und bangkok zu sein, hat heute mehr zu sagen als zu reisen, zu schauen und zu genießen. die wege, die erlebnisse, das »wie« einer reise, tritt gegenüber dem triumph zurück, am ziel zu sein. objekte besetzen, orte belegen, spiegelt das umkippen der verhaltenswelt in eine dingwelt. das machen und erfahren verkümmert gegenüber dem vorzeigen von besitz, der eine ansammlung von dingwörtern mit sich brachte.
jetzt steht die welt voll von unrat und bürokratien. sachen stellt man in museen und begafft sie. institutionen blähen sich auf zur nutzlosigkeit der selbstbehauptung.
zu unserer fortbewegung stehen um unser haus immer mehr gegenstände herum, jetzt auch noch das segelboot, das klappfahrrad und das geländeauto. nur weil wir nicht mehr gehen, laufen, wandern, schlendern, spurten, springen oder bummeln können. es sind objekte, die wir benutzen, geräte.
ich schreibe substantive wieder klein, aber das reicht sicher nicht. man muß wohl wieder beginnen zu gehen.
(aus: otl aicher, gehen in der wüste, S. Fischer Verlag, 1982)

Der Spaziergang zog anschließend vorbei an mehreren Wüsteneien. Merkwürdig scheinen sie allesamt alle durch den Deckmantel der Normalität und Alltäglichkeit unsichtbar. Nur einen Ort empfanden wir als Wüste, in der man gehen, wandeln kann. Inmitten der Metropole, umgeben von Verkehrsgetose, und doch entrückt, über dem Alltag schwebend, ungesehen, leer.


Unschwer zu erraten, endete der Spaziergang auf dem obersten Deck eines Parkhauses. Wie viele Hochgaragen in vielen Städten, so ist auch dieses überdimensioniert, viele freie Abstellplätze, die beiden oberen Etagen gesperrt. Die (derzeit) abgeriegelte Zufahrt zu den oberen Etagen alleine erklärt jedoch noch nicht, warum die Ästetik dieses Ortes nicht gesehen, seit Jahrzehnten nicht wahrgenommen wird. Die Erklärung ist wohl eher in der ganz einseitigen Funktion des Gebäudes zu suchen – dem Abstellen von Fahrzeugen. Und so, wie der Bauer (in der Theorie) nicht die Landschaft, sondern nur die Kartoffeln seines Ackers sieht, also sein Blick von seinem ganz unmittelbaren Nutzen gefangen bleibt, ganz so ist auch der Blick und die Wahrnehmung des Autofahrers (hier) blind für den landschaftlichen Blick. Sein Fahrzeug durch das Parkhaus steuernd hofft er so bald als möglich einen freien Stellplatz zu finden. Es kommen also von je nur wenige Autofahrer ganz oben an - und wenn, dann vermutlich genervt, weil es so lange dauerte, eine freie Lücke zu finden. Und lange schon bevor er sein Fahrzeug endlich verlassen kann, ist er mit seinen Wünschen und Gedanken an seinem eigentlichen Zielort. Dann geht es auf dem kürzesten Weg von der Autotür zur Aufzugstür. Kaum ein Blick zur Seite oder nach oben. An diesem Ort ist viele Jahre nie einer angekommen.
Seit einiger Zeit beginnt sich dies zu ändern. Erste Stadtstrände auf Parkdecks finden sich zum Beispiel in Frankfurt am Main, Braunschweig und Köln (2008 bereits auf zwei Parkhäusern). Jahrzehnte nach der Fertigstellung der Bauwerke wird eine “neue” Qualität dieser Architekturen nun von “Pionieren” entdeckt und – nicht zuletzt – ein ökonomischer Gewinn daraus generiert. In den nächsten Jahren wird man viel Sand auf die Dächer schütten.
Und in der diesjährigen Kulturhauptstadt Linz ist noch bis Oktober ein Riesenrad auf einem Parkhaus zu bewundern:
http://www.linzmobil.at/images/gal132.jpg

moos-samt an dornen-spitz

Studierende der Klasse Landschaftsdesign an der Universität für angewandte Kunst Wien erarbeiten in einem Workshop mit Bertram Weisshaar einen Spaziergang zur Ausstellung »die lesbarkeit der brache«.
Botanischer Garten, Belvedere-Garten, Schweizer Garten, Südbahnhof, das Arsenal, die Aspang-Brache, Kleingärten, nicht angeschlossene Autobahnbrücken, Vergnügungsparks und vieles mehr lag am Wegesrand der ersten, ausgiebigen Erkundungsgänge. Einige Szenen:

Zum ewigen Leben

Aspang-Brache

verlassener ort

Autobahnknoten Mitte

Knotenlinien

Ruhepunkt inmitten des Verkehrsstroms

Am 13.06., 19.06., 20.06., 26.06 wird der Spaziergang öffentlich angeboten.
Die Ausstellung »die lesbarkeit der brache«, konzpiert von Hannah Stippl, ist vom 5. - 28.06.09 im Botanischen Garten der Universität Wien ausgestellt.

»Hinterm Garten geht´s weiter«

Im Park der Sinne

Der Spaziergang »Hinterm Garten geht´s weiter« bildete den Auftakt der Tagung »Grüne Räume bewegen!«. Annähernd hundert Teilnehmer folgten Bertram Weisshaar durch den ausgewählten Abschnitt des Grünen Rings Hannover. Beginnend am »Ort der Idylle« im »Park der Sinne« führte die Route entlang dem Grünen Ring durch sehr unterschiedliche Landschaftsbilder und Soundscapes. Die Idylle allerdings musste etwas länger gesucht werden. Anfangs wurde diese durch das Trommeln des Regens auf den Regenschirmen etwas verhindert. Und schon gleich an der nächsten Kreuzung zeigte sich die Realität als ungeschminkte Stadtlandschaft. Doch dann, nur wenige Meter weiter, trat die Forschergruppe ein in das optisch idyllische Bild des »Mastbrucher Holz«: Saftiges Grün soweit das Auge reichte. Eine Freude. Und doch war die nahe Schlucht einer Schnellstraße bereits auf fast jedem Meter in dem Wald-Stück akustisch präsent. Das Ohr sieht eben weiter als das Auge. So konnte auch der bald erreichte, riesige Parkplatz eines bekannten, global agierenden Möbelhauses nicht mehr überraschen. Auch dass es nicht möglich sein würde, vor Ort einen Gesprächspartner dieses Global Players zu finden, war vorauszusehen.

Diese introvertierte Nachbarschaft erscheint geradezu als Schlüssel, will man die leider desolate Situation der »Gärten im Wandel« auf dem ehemaligen Expo-Geländes von Hannover verstehen. Gleichwohl alle in der Nachbarschaft dieser Gärten gehandelten Produkte ausgesprochen ästhetische Objekte oder im Falle des nahen Autohauses auch Fetische darstellen, scheinen die Menschen an diesem Ort regelrecht blind für die Wahrnehmung dieses Parks.
Eine geradezu klassisches Bild der Idylle erreichten die Spaziergänger zur Belohnung dann zum Ende auf dem Kronsberg. Eine 700-köpfige Schafherde umhüllte die Gruppe mit einem eindrücklichen Soundscape.
Schafherde auf dem Kronsberg
Fotos> oben + unten: Andreas Räder; mitte: Bertram Weisshaar

Sind Fotografen eigentlich Spaziergangsforscher?


“Photographen, die im Freiraum, der Stadt oder der Landschaft arbeiten, gehen ja auch viel spazieren, um ihre Motive zu finden. Von der Street- über die Stadt- zur Landschafts-photographie usw.. Sind solche Photographen auch Spaziergangswissenschaftler, oder worin unterscheiden sie sich?…”
Kai-Olaf Hesse, Fotograf, führte ein Gespräch mit Bertram Weisshaar zu den Überschneidungen und Differenzen der beiden künstlerischen Medien Fotografie und Spaziergang. Nachzulesen auf dem Weblog Stray Cats >>

Tag gegen Lärm

In den 1970er Jahren wurde “die Lösung” der innerstädtischen Straßenverkehrsprobleme erfunden: Die Ortsumgehungsstraße. Gesagt, getan. Und heute? Verkehrslärm in der Stadt, Verkehrslärm am Stadtrand, Verkehrslärm in der Landschaft, von der Seite und von oben. Die kollektiv unterhaltene Geräuschkulisse legt sich flächendeckend über Agglomerationen, wabert bis in vermeintlich abgelegene Winkel.
Aber es kann auch wieder leiser werden! Lärm ist keine gebaute Größe, sondern existiert nur in dem Moment, in dem er erzeugt wird und könnte somit theoretisch auch augenblicklich enden. Jede Veränderung beginnt mit Wahrnehmung, Einsicht und veränderter Einstellung. > Aktionen gegen den Lärm am 29. April 2009. Weltweit.
Infos: www.tag-gegen-laerm.de

Durch Feld, Wald und Wiese

Spaziergänge im Frankfurter GrünGürtel 2009
Der Hörspaziergang “Über allen Gipfeln ist Ruh´” bildet den Auftakt zum diesjährigen, gewohnt bemerkenswerten Programm mehrer Spaziergänge durch den GrünGürtel von Frankfurt am Main.
Also: Mitgehen. & Hier mehr erfahren >>www.gruenguertel.de

Die »Liebe« zum Automobil im Radio

Die bundesweit laut gewordene Klage über die Nicht-Qualität und Unerträglichkeit des “Dudelfunks” ist noch lebendig in Erinnerung, da jagt nach wie vor eine Dummheit die nächste durch die Hörfunk-Frequenzen. Akutelles Gedudel vom 10.03.2009:
RADIO PSR-Auto-Küssen auf der AMI 2009
Zitat Radio PSR: “Es ist die verrückteste Aktion des Jahres: Beim „großen RADIO PSR-Auto-Küssen“ auf der Auto Mobil International, der AMI 2009 in Leipzig müssen zehn Kandidaten ihre große Liebe zum Automobil unter Beweis stellen. Sie müssen 24 Stunden lang ein Auto küssen, mit ihren Lippen förmlich am brandneuen und heißen [Auto] kleben, um es nach dem Kussmarathon direkt mit nach Hause nehmen zu können. Immer dabei: die Webcam von RADIO PSR, damit auch nachts jeder verfolgen kann, wie es beim Auto-Küssen steht. …” Wie mag es wohl beim Redakteur stehen, der sich diese tolle Sache ausgedacht hat?
Im Unterschied zum Verkehrslärm ist es beim Radio ganz einfach: AUSSCHALTEN
Quelle vom 11.03.09: http://www.ami-leipzig.de/news/20090310~180920~das_grosse_radio_psrautokuessen.html

ortstermin – Durch ein Jahrhundert Verkehrstechnik


Bericht von Silke Johannes zum Spaziergang “Zwischen Avus, Bahngleis und Knüppeldamm” in Berlin mit Bertram Weisshaar, veröffentlicht in “der architekt”, Ausgabe 6/2008, Seite 18 und 19.
Die online-Version finden Sie hier: http://www.bdada.de/6-2008_04.htm

Go Golm, go! Eine Fortbildung zum Thema Spaziergangswissenschaften

Die Fortbildung “Go Golm, go!” findet am 27.01.2009 in Potsdam (Golm) statt. Sie richtet sich an Fachberater für das Fach Kunst des Landesinstituts für Schule und Medien Berlin-Brandenburg, brandenburger KunstlehrerInnen sowie Studentinnen/Studenten des Fachbereichs Kunstpädagogik der Universität Potsdam. Ziel der Veranstaltung ist es das Thema Spaziergangswissenschaften als neues Thema für den Schulunterricht bekannt und schmackhaft zu machen. Die Teilnehmenden sollen durch die Veranstaltung ein Verständnis dafür erhalten, wie ein solches Thema in den Unterricht eingebettet werden kann und welchen Sinn es für den Kunstunttericht hat. Die Veranstaltung wird durch den Spaziergangswissenschaftler Bertram Weisshaar geleitet. Die Fortbildung ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem LISUM Berlin-Brandenburg, dem BDK-Brandenburg, Atelier Latent und der Fachhochschule Potsdam auf Initiative von Magdalene Loda (Studiengang: Kulturarbeit/ FH Potsdam). Weitere Informationen entnehmen Sie bitte dem beigefügten Flyer!

Flyer Vorderseite Flyer Rückseite

Spaziergang »Gut zu Fuß. Frankfurter Mikro-Landschaften«

Der GrünGürtel-Spaziergang zum Kongress; am 13.09.2008.

Wie gelangt man vom Campus Westend in den Volkspark Niddatal im GrünGürtel Frankfurt? Dieselbe Frage mit anderen Worten: Wie gelangt man von der Stadtmitte an den Stadtrand? Zu Fuß geht das hier sehr gut. Entlang der etwa 6 km langen Route reiht sich eine durchgängige Abfolge unterschiedlicher Mikro-Landschaften. Und besonders überraschend: Abgesehen von drei hohen Fußgängerbrücken muss der Spaziergänger hierbei nicht eine Straße überqueren. Obwohl die Route nahe dem Stadtzentrum beginnt, verläuft sie durchweg durch deutlich landschaftlich geprägte Räume. Während diese Mikro-Landschaften optisch deutlich abgrenzbar sind, ist die akustische Unterscheidung der einzelnen Raumeinheiten jedoch weit weniger eindeutig.

Der Spaziergang »Gut zu Fuß« lenkte daher die Aufmerksamkeit vergleichend auf die visuelle und die akustische Wahrnehmung. Ein mit einem Schallpegel-Messgerät ausgestatteter Ingenieur begleitete den Spaziergang und ermittelte – gewissermaßen streng naturwissenschaftlich – die Lautstärke der an den einzelnen Stationen vorherrschenden Geräuschkulisse.
Ergänzend wurde die Gruppe um eine Bewertung der akustischen Qualität gebeten. Jeder Teilnehmer konnte sich entweder der positiven Bewertung anschließen und dies durch ein lautstarkes »oooh« zum Ausdruck bringen. Wer eine negative Wertung abgeben wollte, konnte sich mit einem »buuh« der zweiten Wertung anschließen. Der Pegel der beiden Bewertungen wurde ebenfalls mittels Messgerät ermittelt. Und hierbei zeigten sich erneut Überraschungen: Orte mit annähernd gleichem Geräuschpegel wurden stark gegensätzlich bewertet. So ermittelte das Messgerät beispielsweise für die durch die Spaziergangsgruppe einstimmig positiv bewertete, stille Situation am Campus Westend einen Wert von 49 dB.
Hingegen wurde eine Situation trotz vergleichbarem Messwert im Botanischen Garten ebenso einstimmig akustisch negativ bewertet. Die an diesem Ort als Hintergrundgeräusch deutlich vernehmbaren Verkehrsgeräusche der in unmittelbarer Nähe verlaufenden Miquellallee lassen diesen ansonsten sehr reizvollen Ort sehr laut und akustisch unangenehm erscheinen. Dieser einfache Vergleich verdeutlichte bereits, dass mit rein technischen Messergebnissen und allein mit naturwissenschaftlichen Formeln die Qualität unserer Lebenswelt nicht umfassend zu beschreiben ist. Insbesondere die Analyse von räumlichen Qualitäten bedarf ergänzender Angaben, die vielleicht als »weiche Faktoren« eingegrenzt werden können.

Der Spaziergang kam auch vorbei an dem »Verkehrserziehungs-Garten« im Grüneburgpark. Dessen 50jähriges Bestehen gab Anlass zu einem Rückblick auf die Geschichte der Automobilisierung. Zunächst erhielten alle Teilnehmer, die schon einmal durch einen Verkehrsunfall verletzt wurden, eine weiße Binde, die sie sich um Arm oder Bein wickeln sollten. Erstaunlich viele sonderten sich daraufhin zu einer kleinen Gruppe ab. Ein Blick in die Statistiken zeigt, dass in den letzten fünfzig Jahren der PKW-Bestand in Deutschland etwa auf das vierzehnfache angestiegen ist, die Zahl der Unfallopfer inzwischen aber wieder auf den Stand der 1950er reduziert werden konnte, nachdem diese noch bis in die 1970er Jahre kontinuierlich stark anstiegen. Man könnte also von einem gewissen Erfolg sprechen. Jedoch nur von einem sehr traurigen – denn absolut betrachtet ist die Zahl der Unfallopfer heute so hoch wie zu der Zeit, als man erkannte, dass nun dringend gehandelt werden muss um von genau diesen Unfallzahlen wegzukommen. Die Statistiken verraten noch weitere, unvermutete Fakten. So verunglücken mehr als die Hälfte der Kinder nicht auf der Straße sondern im Auto – es müssten also insbesondere die Eltern an dem Verkehrs-Unterricht teilnehmen.
Und eines müsste ganz dringend neu in die Verkehrserziehung mit aufgenommen werden: Das Auto-Teilen – oder anders gesagt: Der intelligente Umgang mit individueller Mobilität. Denn in den letzten drei Jahrzehnten hat sich der Bestand an PKW´s in Deutschland noch einmal verdoppelt. (Statistik zur Entwicklung PKW-Bestand hier>> Diagramm PKW-Bestand und Unfallzahlen)
Aber wenn die heute Heranwachsenden und deren Eltern lernen, dass man Autos auch gemeinschaftlich nutzen kann, so können wir bereits in zehn Jahren wieder mit der Hälfte des jetzigen Fahrzeugbestandes mobil sein und in unseren Städte anstatt allerorten nur “Stellplätze” wieder mehr freie Plätze entdecken. Ein zu Schrott platt gedrücktes Auto brachte diese Hoffnung in ein anschauliches Bild.
Ein nicht weniger anschauliches Bild bietet nur wenige Meter entfernt vom Verkehrsgarten der »Miquel-Knoten«, ein 1976 eröffneter Autobahnanschluss. Seit dessen Fertigstellung besuchten schon viele internationale Verkehrsingenieure diesen Knoten, der als besonders gelungenes Beispiel für Straßenbegleitgrün und landschaftliche Gestaltung angeblich sogar eine Auszeichnung erhalten haben soll (?).

Für Spaziergänger jedenfalls ist diese Kreuzung eine zwiespältige Angelegenheit: Nur an dieser Station vielen die Bewertungen der Spaziergangsteilnehmer unentschieden aus. Weder ob diese Situation nun landschaftlich erlebbar sei, oder ob an diesem Ort die positiven oder negativen akustischen Eindrücke überwiegen, konnte geklärt werden.
Eindeutig wurde die Situation dann wieder beim Erreichen des Volksparks Niddatal. Die seinerzeit als »ästhetische Duftnoten« bezeichneten Gestaltungen der ehemaligen Bundesgartenschau markieren diesen Raum als Naherholungsgebiet. Einen wirklich ruhigen Ort in diesem weitläufigen Park zu finden ist indess nicht einfach. In weiten Bereichen ist das Rauschen der nahen Autobahn doch recht deutlich vernehmbar – weshalb sich zu dem Gruppenfoto auch die meisten Spaziergänger die Finger in die Ohren steckten.

KAMPAGNE lesscarsismorespace2cities

Können Sie sich das vorstellen: In unseren Städte gibt es nur noch halb so viele Autos? Vor 30 Jahren war das schon einmal so. Und damals waren wir auch mobil. Ja, in den letzten drei Jahrzehnten hat sich der PKW-Bestand in Deutschland verdoppelt. Doch noch einmal geht das nicht. Daher ist es mehr als an der Zeit, eine Trendwende einzuleiten. Denn weniger Autos in unseren Städten bedeutet ein mehr an gleichberechtigter Bewegungsfreiheit für Alle und offenen, unverstellten Stadt-Raum.
Atelier Latent verfolgt hierzu die Kampagne lesscarsismorespace2cities und sucht Kooperationspartner: CarSharing-Anbieter, Autovermieter, ÖPNV-Betreiber, Kommunen, Verkehrsplanungs- und Stadtentwicklungsämter, Umweltverbände und Verkehrsinitiativen. Für einen anderen Life-Style.

mehr Info >>

SUVosaurus akut vom Aussterben bedroht

Es begann wenig ernst genommen, doch inzwischen ist die Konotation eindeutig umgekippt: Das “Sport Utility Vehicle” (SUV), also die Super Unpassenden Vierradfahrzeuge, galten noch vor wenigen Jahren als super-coll, doch akut schmieren die Sympathiewerte dieser Autogattung radikal ab. Spiegel-online: “Vielmehr zeigt es, dass nicht der Spritpreis dem Allradler den Garaus machen wird, sondern der Mangel an gesellschaftlicher Akzeptanz und das soziale Stigma, welche neuerdings mit dem Fahren dieser Autos verbunden sind.” Auch dies ein spannendes Beispiel für eine veränderte Wahrnehmung – die sich noch auf andere Autogattungen ausweiten könnte … Spiegel-Artikel lesen >>

ZU FUSS – Gehen als Maßstab

Rückblick auf ein Seminar von Prof. Klaus Schäfer, Institut der Stadtbaukunst, Hochschule Bremen.
Aus der Aufgabenstellung: “(Wieder-)Entdeckt werden derzeit Begriffe wie ‚la dérive’, Spaziergangswissenschaften, situationistischer Raum oder ‚walkscapes’ als Methode einer gewandelten Wahrnehmung der Umwelt in zahlreichen Publikationen und Ausstellungen. Wir werden im Rahmen unseres Seminars den Wurzeln dieser Bewegung nachgehen, die aktuelle Diskussion nachvollziehen, eigene Schlüsse ziehen und den Bremer Stadtraum als Experimentierfeld betrachten. Das Credo des Seminars soll sein ‚Zufußgehen als Luxus’!”
Diese vielschichtige Annäherung an Stadt und Land im Maßstab des Gehens ist dokumentiert in einer Reihe von Aussätzen (besonders originell ist das “EXPERIMENT - Zu Fuß fahren”), die hier in der Rubrik `Forum´ > `Hochschulseminar - Zu Fuß´ zu finden ist:
http://www.stadtbaukunst.com/forum.php
oder direkter Link:
http://www.stadtbaukunst.com/forum/viewforum.php?f=5

Wettbewerb “Mobil zu Null Emissionen”

Wettbewerb Emissionsfreie MobilitätBundesumweltminister Sigmar Gabriel hat den Kommunal-Wettbewerb ausgerufen “Mobil zu Null Emissionen”. Gesucht werden gute Ideen und Kampagnen zur Förderung des Rad- und Fußverkehrs. Bewerben können sich Kommunen mit mehr als 10.000 Einwohner.
Bewerbungsfrist ist der 10. Dezember 2008.
Weitere Informationen und Downloads > http://www.bmu.de/pressemitteilungen/aktuelle_pressemitteilungen/pm/42537.php

“In Korridore verbannt”

Die Badische Zeitung berichtet mit einem Interview über die Spaziergangswissenschaft; 31.10.2008
http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/deutschland/in-korridore-verbannt–7211249.html

Kongress “Gut zu Fuss” spaziert quer durch die Presselandschaft

Zugegeben, ein geschwind zu erledigendes Thema ist die vielschichtige Spaziergangswissenschaft für einen Journalisten nicht. Und recht groß scheint die Verlockung, mit platten Witzen geschwätzig eine Spalte zu füllen. So zum Beispiel auf der Titelseite einer überregional bedeutenden und ansonsten geschätzten Tageszeitung (vgl. Süddeutsche Zeitung, Streiflicht, 13.09.08). In der Summe offenbaren die bemerkenswert zahlreichen Artikel zum Kongress “Gut zu Fuss” die Topografie der deutschen Presselandschaft, ganz nach dem zentralen Anliegen der Spaziergangswissenschaft: “Sichtbar machen”. Neben tiefen Schluchten, die sich entblößen, finden sich immerhin doch auch einige Anhöhen die es schaffen, den Horizont zu öffnen. Erwähnenswert sind nur die letzteren:

Spazierengehen als Erkenntnisprozess” betitelt Gesine Hindemith ihren Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 18.09.08. Nachvollziehbar stellt sie heraus, wie “Spazierengehen in einem durchaus verheißungsvollen Sinne der Erkenntnismehrung” dient. Nicht zu Unrecht führt sie hierbei die Stadt Frankfurt als eine Vorzeigestadt der Promenadologen an, “als ein gutes urbanes Beispiel dafür, welche politische Wirkung die Spaziergangswissenschaft entfaltet. Seit mehr als zehn Jahren setzt die Frankfurter Projektgruppe GrünGürtel die promenadologischen Maximen erfolgreich um. Die Initiative steht für eine effektive Vernetzung verschiedener Ämter. Ganz unbürokratisch arbeiten Umweltamt, Grünflächen- und Planungsamt zusammen, um Frankfurt seinen Bewohnern mit geführten Spaziergängen zugänglich zu machen.” Abschließend gelangt Hindemith zu der Einschätzung: “Diese Art der herumstrolchenden Analyse changiert zwischen Event-Kultur und kulturkritischer Reflexion. Die Anwendung erfordert ein bisschen Phantasie, das Entdeckungspotential der Spaziergangswissenschaft ist jedoch unendlich.”

Wir sind die Landschaft” überschreibt Shirin Sojitrawalla ihren Artikel in der taz vom 14.09.08.: “»Landschaft ist nur ein Konstrukt«, war sich Lucius Burckhardt sicher und wähnte sie nicht in der Umwelt selbst, sondern in den Köpfen der Betrachter. Darauf anspielend erhielten alle Kongressteilnehmer gelbe Anstecker in Form eines Ortsschildes mit der Aufschrift »Landschaft«. Wir sind die Landschaft, auch weil wir sie, je nachdem wie wir uns bewegen, anders wahrnehmen, wobei Wahrnehmen naturgemäß mehr bedeutet als nur Sehen. Das wissenschaftliche Spazierengehen hat nichts gemein mit den Flaneuren des 19. Jahrhunderts, die ihre Schildkröten an der Leine durch die Pariser Passagen führten. Es ist vielmehr eine Betrachtung von Landschaft, egal ob Parkanlage oder Hinterhof, die alle Sinne anknipst. Für Martin Schmitz ist die Spaziergangswissenschaft, auch Promenadologie genannt, darüber hinaus eine Weiterentwicklung der Urbanismuskritik der 60er- und 70er-Jahre.”

Spaziergänger in Stadtplanung zu wenig beachtet” veröffentlichte die Frankfurter Rundschau am 11.09.08, nachzulesen bei FR-online.
“Es wird für Autos und Radfahrer geplant - der Fußgänger ist immer der letzte,” zitiert Sandra Trauner (dpa) Klaus Hoppe von der Projektgruppe GrünGürtel der Stadt Frankfurt am Main. “Den Maßstab Mensch muss man wieder ins Bewusstsein rücken bei der Planung. (…) Ein Spaziergangsforscher sei kein »Flaneur«, betonte Hoppe. Er müsse einerseits das planerische Fachwissen mitbringen, sich andererseits aber »auf Augenhöhe mit dem Fußgänger« bewegen. Diese Perspektive habe die Städteplanung lange vernachlässigt: »In den Kommunen gibt es für alles eine Fachplanung, sogar für Müllautos, aber keine für Fußgänger.« Dies zu ändern sei eine der Aufgaben der Promenadologie.”

Promenadologie ist Tagesgespräch
Die Promenadologie war Tagesgespräch bei WDR 5 am 12.09.2008. Moderiert von Thomas Koch. Mit Bertram Weisshaar als Studiogast und zahlreichen Höreranrufen. 50 min.
Link zum audiofile bei WDR5

Freie Radios für freie Wissenschaften Michael Nicolai sprach am 28.08.08 mit Bertram Weisshaar über die Spaziergangswissenschaft und den Kongress “Gut zu Fuss”; Das informative Interview, ca. 15 min., ist hier zu hören:
http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=23828

Fußgänger in Stadtplanung zu wenig beachtet

Frankfurter Rundschein - online berichtet zum Kongress der Spaziergangswissenschaft; 11.09.08
http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/nachrichten/frankfurt/1592692_Fussgaenger-in-Stadtplanung-zu-wenig-beachtet.html

Rückblick / Fazit zum Kongress

Gut zu Fuß

Es war ein Erlebnis. Es hatte etwas von einer Offenbarung. Und man hat gespürt: Das geht nicht nur mir so.
Vielen Dank an alle, die diesen Kongress zu diesem wunderbaren Ereignis gemacht haben. Obwohl wir uns nur am Ende zu Fuß bewegt haben, wurden zahlreiche Erkenntnisse vermittelt, erlebbar und wahrnehmbar gemacht.
Obwohl es ja nun schon einge Tage her ist, (in unserer schnellebigen Zeit ein halbe Ewigkeit) sind die Ansichten noch im Kopf und ich suche noch.
Typisch deutsch (möglicher Weise) und typisch Diplom-Ingenieur: Wie kann ich DAS in Anwendung bringen, verwertbar machen, nutzbar machen zum Nutzen für die Menschen. Genau da erhoffe ich mir etwas von diesem Gedankenaustausch Gleichgesinnter. Auch wieder falsch: Es gibt so viele, sehr unterschiedliche Ansätze unter “uns”:
Der Künstler
Der anders Denkende/Wahrnehmende
Der Planer
Der besonders Aufmerksame
Der Soziologe

Vielleicht öffnet sich mit dem Erstellen dieses Beitrages ein Sesam, ich hab die anderen Beiträge bislang noch nicht finden können, wünsche mir aber sehr, dass es noch viele gibt und geben wird.
Auf das mir weiterhin die Sinne geschärft werden …

Frankfurter Rundschau - Campus

Interview mit Martin Schmitz im Vorfeld zum Kongress; 11.08.2008

http://www.fr-online.de/frankfurt_und_hessen/campus/?em_cnt=1494374&em_loc=139